Forschung

Grundannahmen

Menschen und soziale Organisationen sind höchst komplexe Wechselwirkungssysteme. Niemals ist es nur ein Faktor, der drastische Veränderungen – von der schweren Erkrankung beim Menschen bis zum Kollaps eines politischen Systems – auslöst.

Bis heute ist das Denken in Gesellschaft und Wissenschaft überwiegend monokausal geprägt. Mal heißt es, eine bestimmte Substanz sei die Krebsursache, mal wird angenommen, dass ausschließlich seelische Faktoren der einzige Risikofaktor für eine Erkrankung sind.

Menschen und soziale Gruppen wirken auf ihre Umwelt und gestalten Zustände und Bedingungen, die Bedürfnisse befriedigen oder verhindern. Die Eigenaktivität wird häufig gegenseitig verhindert, so dass wir von einer Hemmung der aktiven Problemlösung sprechen. Entgegen weit verbreiteter liberaler Ideologien ist auch unsere westliche Zivilisation weitgehend fremdbestimmt.

In der autonomen Selbstregulation, individuellen und sozialen Eigenaktivierung liegt ein riesiges Potenzial von Problemlösungen von allergrößter gesellschaftlicher Bedeutung. Zum Beispiel im Bereich der präventiven Medizin, Bekämpfung der Arbeitslosigkeit oder Anregung der Innovation in Forschung und Entwicklung.

Unter Selbstregulation verstehen wir jede menschliche und soziale Eigenaktivität, die zu Wohlbefinden, Problemlösung, Zielerreichung, Sinnerfüllung und Entwicklung beiträgt. Autonomie ist die innere Unabhängigkeit des Menschen von Personen, Gruppen, Zuständen, die zu negativen Folgen führen und eigenständige Problemlösungen verhindern.

Einige Fragestellungen in unserer Forschung

Das Hauptinteresse unserer Forschung sind die körperlich-seelischen Wechselwirkungen im „System Mensch“ und im „System Gesellschaft“. Welche Faktoren führen zu einer speziellen Krebserkrankung? Welche Wechselwirkungen begünstigen einen Herzinfarkt oder Hirnschlag? Welche Lebensweisen und Verhaltensmuster halten relative Gesundheit bis ins hohe Alter aufrecht? Welche Therapien zeigen eine präventive Wirkung? Wie kommuniziert das Individuum mit seiner sozialen Umwelt und welche Art der Kommunikation ist für die persönliche und soziale Problemlösung erfolgreich?

Wissenschaftliche Studien

Erste prospektive Studien in Jugoslawien 1963 bis 1976 zum Thema „psychosomatische Wechselwirkungen bei Entstehung chronischer Erkrankungen und Aufrechterhaltung der Gesundheit“.

Titel der Doktorarbeit in Heidelberg 1973 ist „Revolution der Gestörten“, eine Studie über die Motivationen politischen Engagements bei radikalen Studenten, die großes öffentliches Interesse findet.

Die „Heidelberger Prospektive Studie“ von 1971 bis 1978 ist der Kernpunkt unserer wissenschaftlichen Arbeit. Rund 18.000 Heidelberger Haushalte beantworten weit mehr als 100 Fragen. Dabei geht es unter anderem um familiäre Vorbelastungen für bestimmte Krankheiten, Organvorschädigungen, Lebensgewohnheiten, Medikamentengebrauch, Stress und Verhaltensmuster.

Zusätzlich bekommt eine Teilgruppe der Versuchspersonen eine speziell entwickelte Kurztherapie, das „Autonomietraining“. In nur einer knappen Stunde wird der Versuch unternommen, für problematisches Verhalten Alternativen zu finden, die der Mensch für sich kompetent annimmt. Anstelle von krankmachender Fremdsteuerung lernen die Menschen so genannte „Selbstregulation“ – die eigenaktive Schaffung von Bedingungen, die gut tun und erstrebte Problemlösungen ermöglichen.

Bis in die späten 90er Jahre hinein dauert die Studie in enger Kooperation mit der Stadt Heidelberg und über 45 Wissenschaftlern. Die Heidelberger Studie ist in der Anzahl und Vielschichtigkeit der Fragestellungen und empirischen Ergebnisse bis heute weltweit einmalig.

Einige Ergebnisse

Die Heidelberger Prospektive Studie belegt klare Zusammenhänge zwischen physischen Faktoren, bestimmten Verhaltensmustern und chronischen Erkrankungen. Auch können so genannte „Synergieeffekte“ statistisch nachgewiesen werden: Kommen mehrere Krankheitsfaktoren zusammen, erhöht sich das Risiko zu erkranken um ein Vielfaches stärker, als es die bloße Addition der Faktoren erwarten ließe. Dabei wirken besonders Stressfaktoren mit physischen Faktoren, z. B. Zigarettenrauchen, bei Entstehung chronischer Erkrankungen synergistisch, während sich die physischen Faktoren ohne Stress nur addieren. Das „Autonomietraining“ erweist sich als effektive vorbeugende Maßnahme.

Aufgrund der Forschungsergebnisse entsteht die „Grossarthsche Typologie“. Der Typ 1, der gehemmt-angepasste Mensch, der in der Distanz von ersehnten Personen lebt und leidet, neigt signifikant stärker zur Krebserkrankung. Der zu hilfloser Aufregung neigende Mensch ohne Fähigkeit, sich von störenden Objekten zu distanzieren (Typ 2) bekommt häufiger Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Am längsten gesund bleiben Menschen, die zum Typ-4-Verhalten neigen: Selbständigkeit, Eindeutigkeit, hohe Fähigkeit zur Selbstregulation.

Ausführliche Beschreibung der Grossarthschen Typologie und die dazugehörigen Testsysteme befinden sich in den Büchern.

Literaturverzeichnis

Methode

Die empirische Methode der Heidelberger Prospektiven Studie, die so genannte „prospektive Studie mit experimenteller Intervention“, gilt international als die beweiskräftigste Methode in der empirischen Sozialforschung.

Die Datenerfassung erfolgt prospektiv, zum Beispiel, bevor eine Person erkrankt ist. Zusätzlich erfolgt eine „experimentelle Intervention“, zum Beispiel das Autonomietraining zur Anregung der Selbstregulation, und zwar unter randomisierten Bedingungen. Das heißt, eine zufällig ausgewählte Gruppe bekommt eine Intervention, während die zweite (nicht trainierte) Gruppe zum Vergleich dient. Nur anhand des Vergleichs von Therapie- und Kontrollgruppe können Krankheitsursachen bewiesen werden. Der Beobachtungszeitraum erstreckt sich häufig auf über 20 Jahre.

Zusätzlich hat sich die „innere Standardisierung“ der Menschen vor der Befragung als sinnvoll erwiesen. Jeder Proband hat eine halbe Stunde lang von sich, seinen positiven und negativen Lebenserfahrungen erzählen müssen. Das führt zu wahrheitsgemäßerem Antworten auf die Fragen. Empirisch belegen wir, dass eine Datenerhebung ohne vorherige „innere Standardisierung“ kaum brauchbare Resultate liefert. So hat beispielsweise Prof. Amelang 1996 mit seinen Mitarbeitern versucht, die Grossarthschen Studien ohne innere Standardisierung zu replizieren, wobei wenig wissenschaftlich relevante Ergebnisse zustande kamen.

Von 1971 bis 1996 wurden die empirischen Daten einer großen Anzahl deutscher und ausländischer Wissenschaftler zur Überprüfung zu Verfügung gestellt, so zum Beispiel dem Institut für Statistik und mathematische Wirtschaftstheorie der Universität Karlsruhe (Privatdozent Dr. Wolf-Dieter Heller und Prof. Martin Rutsch), dem psychologischen Institut der Universität Zürich, mathematisch-biologische Abteilung (Prof. Norbert Bischhof), Prof. Peter Schmidt (ZUMA Mannheim), Prof. Hans-J. Eysenck (Institut für Psychiatrie, Universität London), usw. Es wurde sowohl die Datenerfassung als auch die statistische Auswertung immer neu überprüft, so dass viele Wissenschaftler von den bestkontrollierten Studien der Welt sprechen.
Im Jahre 1996 wurde ein großer Teil der Daten aufgrund des Datenschutzes vernichtet.

Auszüge aus wissenschaftlichen Gutachten, die eindrucksvoll die Interdisziplinarität unserer Arbeit belegen